Neue Ansichtskarte – Datteln wirbt als Luftkurort

Ansichtskarte_Datteln Ich bin der Mehrheit des Rates der Stadt Datteln, der Stadtverwaltung, der Bezirksrgierung, der Landesregierung und den Kraftwerksbetreibern dankbar. Dankbar dafür, dass sie dazu beitragen, damit meine Kindheitserlebnisse aufrecht erhalten bleiben, und dankbar dafür, dass das Ruhrgebiet in der weitläufigen Meinung das bleibt, was es war - eine große Dreckschleuder. Man stelle sich hier in Datteln einmal vor, es würden ringsherum keine Kraftwerke gebaut und in Betrieb genommen. Die ältere Generation würde daran zugrunde gehen. Auf der einen Seite, weil ihnen die Schadstoffe, die ihren Körpern von Kindesbeinen an über Zechen und Kokereien zugefügt wurden, plötzlich nicht mehr in der Atemluft und in ihren Gärten vorhanden sind, auf der anderen Seite, man würde ihnen plötzlich die Rauchgasfahnen entziehen. Das geht nicht. Dem Körper auf Dauer giftige Stoffe zu entziehen, wäre ungesund. Und wenn es in der Umgebung nicht dampft und raucht, würde man annehmen müssen, es ginge wirtschaftlich mit unserem Lande bergab. Das geht auf die Seele eines Ruhris, der ja im Dreck groß geworden ist. Das darf man ihm nicht entziehen, weil er sonst hier Urlaub machen würde statt in Bayern. Immerhin haben die Bajuwaren über viele Jahre davon profitiert, dass es hier dreckig war (und wieder werden soll). Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass die Oktoberfeste mit Lederhosen und Dirndln in Westfalen aus dem Boden schießen. Das ist psychologisch vorbereitet. Soll heißen, wenn das Revier wieder dreckig wird, dann erinnert euch doch daran, wie schön es südlich des Weißwurstäquartors sein kann. Vielleicht setzt Eon in Staudinger darum auch eine ganz andere Technik ein als hier? Ich bin jedenfalls froh darüber, dass meine Enkelkinder in dem gleichen gesundheitsgefährdeten Schmutz groß werden dürfen wie ich, der im Schatten von Zechen und Kokereien aufgewachsen ist. Darum begrüße ich die werbewirksame Kampagne, mit dieser Ansichtskarte für unsere Region zu werben. Die Bayern werden in Scharen kommen, um in ihrem Urlaub mal richtige Ruhri-Luft zu schnuppern. Und sie werden begeistert sein, wie man hier Oktoberfeste feiert. Ganz abgesehen davon, wie man die giftigen Rauschwaden von den Bergbauhügeln aus beobachten kann. Ich denke, dass ist das, was den Ruhrtourismus in Zukunft ausmachen wird - auch zum Wohle der "Kanalstadt" Datteln.
This entry was posted in Archiv. Bookmark the permalink.

Comments are closed.